Über dieses Projekt
Was bedeutet es, Literatur queer zu lesen? Dieses Projekt versteht sich als Forum für die Diskussion queerer Lektüren in internationaler Perspektive und richtet den Blick zugleich spezifisch auf die romanischen Literaturen. Ziel ist es, die Formen, Techniken und Effekte queerer Lesepraktiken zu untersuchen, methodische Zugänge zu konturieren und diese im Austausch mit den vielfältigen literarischen Traditionen der Romania kritisch zu erproben.
Im Anschluss an Eve Kosofsky Sedgwicks Konzept der Queer Reading versteht das Projekt queere Lektüren als kritische, nicht-normative Lesehaltungen. Queer zu lesen bedeutet nicht, binäre Ordnungssysteme wie männlich/weiblich oder homo/hetero zu reproduzieren, sondern diese im Akt des Lesens aktiv zu destabilisieren. Analysiert werden die Mechanismen, durch die heteronormative Geschlechterverhältnisse, patriarchale Erzählmuster und essentialistische Identitätskonstruktionen hergestellt werden. Sedgwicks Begriff der „Diktatur der Heterosexualität“ verweist auf die strukturelle Allgegenwart solcher Normen in Sprache und Literatur – ein Befund, der in romanischen Literaturen aufgrund ihrer kolonialen, postkolonialen und translingualen Prägungen besonders vielschichtig zutage tritt.
Queer zu lesen heißt daher nicht, Texte lediglich auf queer codierte Figuren oder Themen abzusuchen, sondern eine bestimmte, normkritische Haltung gegenüber Sprache, Textstruktur und literarischen Codes einzunehmen – eine Haltung, die es ermöglicht, hegemoniale Ordnungen zu unterlaufen und alternative Formen des Begehrens, der Körperlichkeit und der Subjektivität sichtbar zu machen, gerade dort, wo sie nicht explizit benannt sind.
Die Literaturen der Romania bieten hierfür ein besonders fruchtbares Feld. Sie zeichnen sich durch hybride Gattungsformen, experimentelle Schreibweisen, transkulturelle Perspektiven und fluide Sprecherpositionen aus, die ästhetische Verfahren der Queerness performativ umsetzen. Ob in französischen, italienischen, spanischen, portugiesischen oder lateinamerikanischen Texten – häufig verweisen narrative Experimente, Sprachmischungen, Grenzüberschreitungen und die Irritation etablierter literarischer Formen selbst auf eine queere Poetik. In diesen formalen und ästhetischen Dynamiken entstehen Räume, in denen alternative Narrative, Beziehungen und Identitäten erfahrbar werden und in denen romanistische Literaturforschung queere Lesarten theoretisch wie methodisch weiterentwickeln kann.
Perspektiven queerer Lektüren in der Romanistik:
- Heteronormativitätskritik: Hinterfragen binärer Ordnungen und heteronormativer Machtstrukturen
- Dekonstruktion: Freilegen von Text-Ambivalenzen, Brüchen und nicht-eindeutigen Identitätskonstruktionen
- Ästhetik: Aufmerksamkeit für fragmentarische Formen, Hybriditäten, sowie Perspektivenwechsel und sprachliche Grenzgänge
- Affekt & Emotionstheorie: Analyse 'alternativer' Begehrens-, Beziehungs- und Affektlogiken
- Intersektionalität: Zusammendenken von Sexualität, Geschlecht, Sprache, Klasse, Ethnizität etc.
- Aktualisierung & Rezeptionsästhetik: Betonung der Rolle der Leser*innen im Prozess des Lesens im Kontext individueller Perspektiven, Erfahrungen und Kontexten